Muschi
mit Föhnfrisur
von Thomas Glatz
Die Wiesn.
Diesmal 17 Tage Nationalrausch. Das wichtigste Wochenende des
Jahres in Bayern. Wiesn-Wirte fürchten
leere Fässer. Auf die Unentschlossenen kommt es an. Zukunft
Erde. Lesen was los ist. Die Schlagzeilen. Ein Martinshorn
durchs gekippte Fenster.
Ein mit Watte ausgestopfter Steinkrug in der Auslage einer
Apotheke. Ein Fußbalsam mit Pilzschutz macht dem Juckreiz
Beine.
Die Bedienung einer Szenekneipe trägt heute Dirndl.
„ Laß die Feder liegen. Da sind wer weiß was für Bazillen
dran. Laß die Feder liegen, du holst dir sonst die Vogelpest,“ sagt
ein Vater zu seinem Kind in Pfälzer Mundart.
Er trägt die Regenschirme für die ganze Familie, vier
Stück. Die Familie trottet ihm hinterher. Das Kind wirft die
Vogelfeder vor einen Spielsalon.
In der Goethestraße ist eine Menge los.
Selbst im Sexy -Land sind „Wiesn-Tage“. Zumindest ist
auf einem Plakat davon zu lesen. Musik von Madonna aus der offenen
Tür. Ein Mann der sich nach beiden Seiten umblickt, wie wenn
er eine Straße überqueren möchte, tritt aus dem „Sexy
-Land“. „Angschnack´slt is!“ Wirbt ein
Plakat für eine Wiesnparty im Kunstpark. Neologistische Mundarttümelei
mit mißglücktem sächsischem Genitiv.
An der Ecke hört man schon das Blasorchester Kötz (Name
von der Redaktion geändert). Danach der Musikverein Öd
(Name von der Redaktion geändert) in kurzer Wichs. Dann die
Trachtenvereinigung Bad-Bergzabern (Name von der Redaktion geändert)
in Bad-Bergzaberner Tracht, gefolgt von einer dicken Frau im Reifrock.
Dann der Spielmannszug Wampf-Wimpferting (Name von der Redaktion
geändert), gefolgt von den Guglöder Spielleuten (Name
von der Redaktion geändert). Die Tölzer Schützen.
Dann die Wildpretschützen. Dann die Scharfschützen.
Nun kommt der noch amtierende Landesvater in einer von schwarzen
Rössern gezogenen Kutsche. Der leibhaftige Landesvater nebst
Gattin. Die Gattin mit dem kuriosen Kosenamen winkt. Der Landesvater
grüßt nach rechts. Die Gattin winkt nach links. Die
Schaulustigen schwenken mit Fähnchen von der Süddeutschen
Zeitung. Ein Pferd apfelt. Die Münchnerinnen von „Die
schöne Münchnerin e.V.“ schwenken Blumen und tragen
städtische Trachten der Jahrhundertwende.
Ein folkloristisches Spektakel ersten Ranges ist da im Gange. Der
Trachtengruppenumzug bewegt sich Richtung Oktoberfestwiese.
Eine alte Frau mit einem Plastikrucksack in Bierkrugform will die
Straßenseite wechseln. Ein Polizeihauptwachtmeister untersagt
ihr dies.
Die Kötzinger (Name von der Redaktion geändert)
spielen den „Wackeren Kürassier“.
Die Öder (Name von der Redaktion geändert) spielen den „Hohenfriedberger“.
Die Bad - Bergzaberner (Name von der Redaktion geändert) den „Hoch-
und Deutschmeister“. Die Wampf-Wimpfertinger (Name von der
Redaktion geändert) „Ein Heller und ein Batzen“.
Guglöd (Name von der Redaktion geändert) grüßt
nur. Großdingharting (Name von der Redaktion geändert)
grüßt musikalisch mit dem „Aufi geht´s!“.
Kleindingharting (Name von der Redaktion geändert) grüßt
musikalisch mit dem „ Kleindinghartinger“. Böhmisch-
Blech Schirnding (Name von der Redaktion geändert) mit dem „Fichtelgebirgslied“.
Die Böhmerwäldler haben „ihrem“ Dichter Adalbert
Stifter einen Gedenkstein aus Pappe auf einem vierspännigen
Wagen errichtet. Der pappmachéeherne Stifter-Gedenkstein
wird am Restaurant Sultan (Name von der Redaktion geändert)
vorbeigezogen. Ein Bauernmaskenball. Eine Kapelle aus Sperrholz
wird am Kuaför Yilmaz (Name von der Redaktion geändert)
vorbeigezogen. Eine Kapelle aus Huglfing (Name von der Redaktion
geändert) hinter der Kapelle aus Sperrholz versucht zu der
Trachtengruppe aus Wimpasing (Name von der Redaktion geändert)
aufzuschließen.
Die alte Frau mit einem Plastikrucksack in Bierkrugform will erneut
die Straßenseite wechseln. Ein Polizeihauptkommissar untersagt
ihr dies.
In der rechten Jackentasche seiner Dienstuniform über dem
echten Handfeuerwaffenhalfter steckt eine künstliche gelbe
Rose.
Eine Schwarzwälder Trachtengruppe marschiert vorbei. Welch
monströse Bollerhauben man dort trägt. Egerländer
trotten vorbei. Welch prächtige Huasnoatoaterer man dort trug.
Dann kommen die Schlierseer mit Gamsbarschtln in der Preisklasse
eines Mittelklassewagens am Hut. Welch gutgewachsene Gamsbärte!
Eine berittene Polizeistaffel folgt den Schlierseern. Welch prächtige
Rösser.
Dann ein Polizeiauto mit Blaulicht. Dann zwei Wagen vom Baureferat
Straßenunterhalt um die Pferdeäpfel aufkehren. Welch
prächtiges Orange! Dann die Schaulustigen, die sich dem Festzug
anschließen. Ein Schwarzafrikaner, der heute seine heimische
Tracht angezogen hat, ein dicker Mann mit einem Filzhut an den
eine großbrüstige Wiesenbedienung aus Plastik wie eine
Galleons-Figur geheftet ist.
Ein Anzug tragender Mann sagt zu einem Tracht tragenden:
„ Auf geht´s! Schon im Einsatz? Wir sind morgen dort.“
Ob dann der Tracht tragende den Anzug tragen wird und der Anzug
tragende Tracht?
Ein älteres Pärchen aus Amerika mit einem „Munich
Guide“ wirkt unentschlossen. Wo hier „die Oktoberfest“ sei?
Da lang.
Bloß weg.
Neue
Spielregeln fürs Fest
von Miss Harmlos
Die städtische Eventbeauftragte muss sich etwas Besonderes
für das aktuelle Oktoberfest einfallen lassen. Die Festbesucher
ließen sich ja von Jahr zu Jahr mehr gehen, ein Schlachtfeld
wie nach gefühlten zehn Jahren Krieg ist das Ergebnis und
die Kosten explodieren, da es immer notwendig ist die Stadt wieder
in ihren pittoresken sauberen prä-Festivitätszustand
zu versetzen. Der Bürgermeister hat seiner Mitarbeiterin im
Beisein des städtischen Kämmerers und dem Wiesn-Zelt-Koordinator,
eine ordentliche Stadtpauke gehalten, die auch schwer von stimmungsreicher
Blasmusik übertönt werden hätte können. Er
tobt laut, dass sie doch das bevorstehende Oktoberfest so erfolgreich
anlegen wolle, dass doch bitteschön die eventuell anfallenden
Unkosten nur lapidar den Gewinn beeinträchtigten.
Zur Verdeutlichung
legt er ihr Tabellen über Toilettenreinigung, öffentliche
Verkehrsmittelsäuberung, Ansprüche der Hotelier vor,
die ihre in Holzsplitter zerstörten Hotelbetten, verunreinigtes
Zimmermobiliar, Frühstückdeko, Secessions-Spiegel ersetzt
haben wollen. Die tätlichen Angriffe auf Portiers, Dienstmädchen,
auf angeblich aufgeblasene Rezeptionsdamen füllten mehrere
Leitz-Ordner, nur nebenbei bemerkt, äußert Bürgermeister
grimmig.
Ein Registrator musste im Laufe des Jahres trotz
der Personaleinsparungen eingestellt werden, um die
nach und nach eintreffenden Ansprüche
zu sortieren und in eine nagelneue Datenbank einzuspeisen. Die
Rechnungen, Prozessakten, die alleine aus einem Jahr Oktoberfest
resultierten, nahmen schon eine Aktenstrecke von Pasing bis zum
Wirtshaus am Schlachthof in Anspruch. Daneben nimmt sich der Bauaktenbestand
größenmäßig wie ein Schwammerl neben einer
Wassermelone aus, zetert der Bürgermeister.
Was waren das noch für goldige, arbeitssparsame Zeiten, als
man sich beispielsweise nur mit dem Transrapid beschäftigte,
den leidigen Rechtsstreit mit einer Bogenhausener Schönheitsklinik,
die zwar ihre kosmetischen Nachbehandlungsprodukte als handgemacht
anpries, aber auch eine kleine Nerz- und Chinchillazucht und Tierverwertung
beheimatete. Man wollte gar nicht wissen in welcher Seifenlauge
die Tiere landeten.
Die Eventbeauftragte, eine Topmanagerin mit ausgezeichneten
Referenzen und täglich einer strengen Deklination in Trachten- und Folkloreausrüstung
folgendem Garderobengespür, kommt gar nicht dazu den Redeschwall
des Oberbürgermeisters zu unterbrechen. Die Anwesenden nicken
im Takt und bestätigen, sind betroffen über das planerische
und ungeschickte Wirtschaften der Eventbeauftragten, gedankenverloren
kritzeln sie eulersche Graphen am Rande der Statistikblätter
und denken sich insgeheim, dass sie allesamt viel qualifizierter
für den Posten wären.
Der Bürgermeister rattert unverdrossen weiter, knallt einen
Akt auf den Tisch mit dem herablassenden Hinweise, sie solle doch
bitte ihr Augenmerk auf diesen Inhalt wenden, denn darin wären
die Regressansprüche der Krankenkassen aufgeführt, die
sich darüber beklagten, dass nachweislich zu Oktoberfestzeiten
die Abtreibungszahlen, verursacht durch die widerstandslosen, anscheinend
willensschwachen, nur noch von derben Trieben insturmentalisierten,
Mitbürgerinnen dermaßen in die Höhe schnellten,
dass sich der niederländische und norwegische Abbruchsdurchschnitt
wie das ruandische Bruttosozialprodukt daneben ausnähme. Die
Krankenkassen wären darüber nun sehr betrübt, sie
weigern sich Zahlungen zu leisten und raten zur Einrichtung einer
städtischen Klinik, die sich um dieses unangenehme Geschäft
kümmert. Höhnisch gackert der Bürgermeister auf: „Eine
Abtreibungsklinik, quasi wie ein städtischer Kindergarten.“ An
die kirchlichen Einrichtungen können sie sich ja zwecks Unterstützung
in der Angelegenheit nicht wenden, meint er Stirn runzelnd. Die
Krankenkasse schiebt ja noch freundlicherweise den Vorschlag hinterher,
dass die Klinik nur saisonal, maximal zwei Monate bewirtschaftet
werden müsse. Dankbare Medizinstudenten aus Ungarn, Tschechien
würden die Eingriffe vornehmen und mit ihrer rabiaten Art,
ihren polternden Unterhaltungsführungen wäre auch noch
das Schluchzen der Damen übertönt.
Der Oberbürgermeister atmet tief durch. Eine weitere Energiequelle
durch den Zug spürend, fügt er boshaft hinzu, dass man
damit wenigstens einen sozialen EU-Beitrag tätigt. Aber das
solle alles nicht von den Kosten ablenken, vor allem müsse
man ja dann auch noch einen Angestellten einstellen, der überprüft,
ob die Ungewollt-Schwangere überhaupt zum entsprechenden Klinikbesuch
berechtigt sei. Das hieß für alle Betroffenen Nachweise über
Oktoberfestbesuche, Männerbekanntschaften eceteraecetera – der
Bürgermeister winkt müde ab, fächelte sich mit seinem
handgemalten Unterteller Luft zu. Bevor er es vergisst: Man muss
die Damen ausklammern, die sich auch ohne bewiesene Oktoberfestzwischenfälle
in die Spezialklinik einschleusen wollen. Der Bürgermeister:
Erschöpft. Wenn nur jemand anderer den Job machte. Dann würde
der an dieser Auseinandersetzung so leiden wie er. Nur eine kräftige
Ochsenfleischportion könnte ihn trösten.
Doch er ist noch nicht fertig. Er kramt einen Akt der Sanitätshäuser
Bergner und Droschke hervor. Er räuspert sich. Diese Sache
läge nun noch ungünstiger. Völlig berauscht zerschlugen
die betrunkenen Festbesucher die Geschäftsauslagen der Sanitätshäuser.
Dort wurden dann im wahnsinnigen Zustand wahllos Arm- und Beinprothesen,
medizinische Stützstrümpfe und Hanf-Korsetts anprobiert.
Hatte sich einer die Prothese übergezogen, stellte er sich
wie eine gefledderte Lilli Marlene an die Straßenlaterne
und seine Bierbekanntschaft probiert in Salven kichernd wie Nicholson
in „Einer flog übers Kuckucksnest“ kurz vor der
Lobotomie noch den Rollstuhl aus und setzt ihn erfreulicherweise
schnell genug an den nächsten Stromkasten oder Heizpilz, bevor
mit dem Restwahnvermögen die Bundesstrasse nach Bad Tölz
zur Weiterfahrt genutzt wird.
Die vergnügten Blicke der Untergebenen, denen die Vorstellung
gefällt, schmelzen in einer Sekunde wieder wie Wachs in die
geforderte Ernsthaftigkeit zurück. Das wäre aber noch
nicht alles. Letztes Jahr hätten fünf Betrunkene, die überhaupt
nicht mehr geradeaus schauen konnten, weiß der Teufel wie
sie das schafften, zwei Gondeln der weiß-blauen Zugspitzbahn
rausgerissen, wären auf deren Rollen zur Lindwurmstraße
gerutscht und meinten wahrscheinlich, dass dort noch ein lustige
Autoscooten wäre. Am Alten Südfriedhof fing man sie ein.
Der Polizeieinsatz dürfte ja jeden der Anwesenden noch gut
in Erinnerung sein. Dagegen seien die Demonstrationen der linken
friedensbestimmten fun-generation gegen Globalisierung, NPD, die
Deutsche Bank wie eine betuliche Fahrt im Kettenkarussell oder
ein zaghaftes Anschleudern im Teufelsrad.
Jetzt solle sie nun endlich mal was vorschlagen. Sie soll
sich mal anstrengen, wie man dieses Oktoberfest gemütlich und beschaulich,
vielleicht auch weiterhin sexy über die Bühne brächte.
Sie sollte dabei den Gewinn nicht vergessen. Der käme ja allen
Anwesenden zu Gute. Damit wird die Weihnachtsfestbeleuchtung rund
ums Rathaus, die Weihnachtsgratifikation bezahlt. Der Bürgermeister
umkreist nun mit stechenden Salmiak-Blick seine Mitarbeiter und
holt aus. Bekanntlich wird die Gewinn auch für die jährliche
Reise des Rathauses benötigt, um in das mit zwei Michelin-Sternen
ausgezeichnete Chateau Cordeillan-Bages in Pauillac nach Bordeaux
zu reisen. Das darauf folgende Gegurgele, Geschnüffele, Gegrunze,
Keuchen, Schlürfen, Schnauben, Stöhnen bei der rituellen
Weinprobe ist sicher noch jeden in lebendiger Erinnerung. Man konzentriere
sich mit vollem Körpereinsatz auf den Wein, der analytische
Sachverstand werde angeregt, das Dekadenzbewusstsein der Mitarbeiter
wird geschärft. Diese höchsten ästhetischen Räusche
fänden auf einem Luxusniveau statt, die sogar einem Jean-Bedél
Bokassa Tränen des Neides in die Augen schießen ließen.
Die Eventbeauftragte nippt an ihrem Glas Grand cru classe
Saint-Emilion, ein Geschenk des Kellermeisters des Weingutes
Chateau Balestard.
Francois Villon bejubelte Nektar des Weingutes in Gedichten. Vom
Grand cru zum Oktoberfest, das ist eine Spanne, wo der Nektar schnell
zu Brachwasser wird, sinniert sie. Das Weinglas streichelnd starrt
sie auf das Oktoberfestplakat, was von Frohsinn, Ausgelassenheit,
internationalen Bekanntschaften, Anbahnung von Geschäftsbeziehungen
kündet. Beim ersten Bieranstich torkelt man doch schon durch
eine Riesenmüllhalde, denkt sie. Versonnen schaut sie zum
Montgelas-Denkmal, vor dem sich gerade ein mit sich selbst beschäftigtes
Paar mit Kaffeebechern unter einer Perlmuttwolke niederlässt.
Montgelas hätte diese widerwärtigen Oktoberfestabstürze
sicher mit einer Reform verhindert. Da wären Pflichtaufräumen
und Säuberungsprogramm für alle Stände, kombiniert
mit Strafmaßnahmenkatalog für Unwillige oder renitente
Wiesnbesucher, an der Tageordnung gewesen.
Die städtische Eventbeauftragte überrascht am Wiesneröffnungstag
die Besucher am Eingang mit Kassenhäuschen. Dort werden jeden
Besucher 200 Euro Tageseintrittsgebühr abgeknöpft. Dafür überreicht
man ihn ein gehäkeltes Bändchen mit lieblicher Maßkrug-Stickerei.
Sie hat sich mehrere Nächte den Kopf darüber zerbrochen,
wie sie den Haushalt wieder sanieren konnte. Das Tageseintrittsgeld,
selbstverständlich ohne Bier- und Hendlmarken, ist großzügig
berechnet. Da darf ruhig auch der Spiegelsaal des Oriental Mandarin
in Scherben liegen oder die Straßenbahn von besinnungslos
attackierenden Engländern aus den Gleisen gewuchtet werden.
Sie sitzt mit den Bürgermeister im Riesenrad, beide naschen
aus ihren Mandeltüten und spielen verträumt mit der Zuckerwatte,
die sie sich zärtlich auf die Lippen tupfen. Sie sehen auf
die Paulskirche, wo sich die ersten Betrunkenen schlafen legen,
die Frauentürme schreiben ein spitzes Gedicht in den Himmel.
Vor den Kassenhäuschen schäumen die Besucher wie Maßbiere,
schlagen den Kassierern nach Bezahlung die Zähne aus dem Mund,
zünden die Häuschen an und werden vom gewaltresistenten
Dresdner Sicherheitspersonal „Eisen- und Stahlverband“ in
Gewahrsam genommen. Beide Riesenradfahrer sind glücklich.
Die nun anfallenden Kosten sind unerheblich, man ist mit dieser
Form der finanziellen Lösung hochzufrieden und kann sich beruhigt
auf das nächste Oktoberfest freuen. Aber vorher werden beide
sich noch in den modrigen Kellern des Kellermeisters auf Gut Fargues
leidenschaftlich am Parfum eines Brombeer-Cassis-reichen Cabernet
Sauvignon-Tropfen in gezähmter Trunkenheit, nackt und lüstern
entspannen, aber dabei nicht vergessen so lange an zarten Reformfäden
zu spinnen bis ihr Haushaltsgeweben undurchlässig für
Verschwender und Vandalen wird.
09/05
Ohne
Trinkbeschränkung
von Matthias Hofmann
Die Frage der eigenen Herkunft stellt sich in
aller Deutlichkeit normalerweise in der Fremde. Als Bewohner
von Bayern und
noch spezieller von München wird man – angesprochen auf
den eigenen Wohnort oft als erstes mit dem Stichwort „Oktoberfest“ konfrontiert.
Hier fokussiert sich die medial vermittelte Sicht von Bayern
in einer Doppelspitze mit Neuschwanstein, dem Schloss, das
schon zum Zeitpunkt seiner Erbauung nicht echt war.
Das Oktoberfest ist dabei – so wie das Gemäuer – eine äußerst
erfolgreiche Veranstaltung. Regelmäßig drängen
sich über 6 Millionen Besucher auf 16 Tagen auf dem Festplatz
und vernichten ebenso viele Liter Wiesnbier. Diesen Publikumszuspruch
kann das Münchner Herbstfest kaum seinem äußeren
Leistungsspektrum verdanken: die Preise sind horrend, die Bierkrüge
nicht immer voll, die Ergatterung eines beengten Sitzplatzes
eine Herausforderung an sich, die Luft schlecht und die Musik
aufdringlich und basiert auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.
Warum also ist diese öffentliche Inszenierung von exzessivem
Drogenkonsum bei Münchnern und Touristen gleichermaßen
beliebt? Auf welchen Mechanismen basiert diese überfüllte
und für den Besucher außerordentlich teure Veranstaltung?
Was macht diese angeblich bayerischte aller Erlebniswelten so
attraktiv?
Es muss also das sein, was heutzutage gerne mit dem
Begriff Erlebniswelten belegt wird, denn ein Phänomen fällt
im Zusammenhang mit einem Wiesnbesuch sofort ins Auge – zumindest
wenn man weitgehend nüchtern geblieben ist. Innerhalb der
Bierzelte findet ein Prozess inszenierter Enthemmung statt, in
dessen Verlauf auch einige Verhaltenskonventionen relativiert
oder gebrochen werden, die im ‚normalen’ Leben den
Verlauf eines Abends bestimmen. Typisch und schnell zu erkennen:
Tanz auf den Bierbänken, Mitgrölen der Bierzeltlieder.
Versteckter und widerlicher: die kleinen und größeren
sexuellen Übergriffigkeiten, die solche Abende gerne mal
begleiten, sowohl verbal, als auch körperlich. Kater am
nächsten Tag hin oder her, Spaß macht’s. Auf
der Suche nach der Attraktivität dieser Bierzeltabende hilft
das Modell der ‚repressiven Entsublimierung’ weiter.
Das Konstrukt stammt ursprünglich von Herbert Marcuse, der
damit eine Analysekategorie von Freud umgekehrt hat. In der Kurzfassung
geht es darum: während im Prozess der sog. ‚Sublimation’ sexuelle
Energien in Kulturleistungen umgesetzt werden, geht es bei der ‚Entsublimation’ um
das genaue Gegenteil: die massive Freisetzung von Triebenergie
auf ihrem ureigensten Feld. Dieses Phänomen trifft auf eine
Veranstaltung wie die Wiesn ohne Zweifel in weiten Teilen zu.
Aber warum ‚repressiv’? Marcuse geht davon aus, dass
diese Freisetzung von Triebenergie gesellschaftlich in Masseninszenierungen
der Triebabfuhr gesteuert wird um danach das genaue Gegenteil
leichter aufrecht zu erhalten: Triebkontrolle, Rationalisierung
und Konformität. Insofern repressiv: die Sau raus lassen,
um nachher wieder besser zu funktionieren.
Warum funktioniert das gerade auf der Wiesn und nicht in der
Kneipe von nebenan? Der Unterschied ist sicherlich ein gradueller,
aber nichtsdestotrotz entscheidender: das Bierzelt im September
bietet gerade unter dem Aspekt der Entsublimation ein paar
nahezu unschlagbare Eigenschaften. Die freigegebenen, enttabuisierten
Räume der Triebabfuhr sind größer als in jeder
Kneipensituation (von großstädtischen Tex-Mex-Läden
und einer bestimmten Kategorie von Massendiscos mal abgesehen – die
haben viel von der Wiesn gelernt). Nur hier gibt es erlaubte
und gewollte Verhaltensschemata dieser Entehemmungsstufe. Darüber
hinaus lässt sich nur hier die Triebabfuhr in einem so kollektiven
Raum erleben. Das größte Zelt der Wiesn fasst über
6.000 Menschen, die – zumindest auf den ersten Blick – Akzeptanzfläche
und Mitsäufer sind. Es ist der Raum, in dem eine echte kollektive
Entsublimierung statt finden kann. Er wird dafür zur Verfügung
gestellt und ist – abgesehen von Akten körperlicher
Gewalt – frei von Sanktionen, die andernorts durchaus zu
befürchten wären. Wer sich in der Kneipe nebenan so
aufführt wie im Schottenhammel um zehn Uhr Abends fliegt
raus, wenn er Pech hat mit Hausverbot. Und noch schlimmer: ein
solcher Auftritt wird im sozialen Rahmen ‚Bar’ von
Anderen als nichtakzeptabel und peinlich eingestuft, kurz es
ist sozial abweichendes Verhalten, für das man sich im Nachhinein
zu rechtfertigen hat. Für einen exzessiven Wiesnabend muss
sich niemand entschuldigen, er stellt genau den entgrenzten Raum
für eine Triebabfuhr dar, die einem die Bearbeitung der
Versicherungsanträge am Montag wieder erleichtert und das
Nachdenken über Sinn und Unsinn von normierten Arbeitswelten
behindert. Insofern musste auch der Plan der Punkbewegung Chaostage
auf der Wiesn zu veranstalten schon konzeptionell scheitern.
Was die Punks nicht begriffen hatten: das bestehende Chaos ab
der dritten Maß ist elementarer Bestandteil der bestehenden
Ordnung, der räumlich und zeitlich umgrenzte Kontrollverlust
gerade ein Mittel die Selbst- und Fremdkontrolle außerhalb
des Festplatzes um so besser durchsetzen zu können. In dieser
Hinsicht unterscheidet sich das Modell ‚Volksfest’ elementar
vom Modell ‚Chaostage’, das ja gerade darauf abzielte
die öffentliche Alltagsräume in ihrer kontrollierten
Selbstverständlichkeit zu unterwandern.
Dem Ereignis Oktoberfest ist es dabei mehr als anderen Veranstaltungen
gelungen das Etikett der Authentizität aufrechtzuerhalten.
Tradition wird hier als Teil der Marke „Wiesn“ großgeschrieben.
Die zunehmende Anzahl der Dirndl und Lederhosen damit stellt
unwillentlich in seiner stylish transformierten „Tradition“ die
durchaus vom Tourismusamt willkommene Kulisse einer „urigen“ Wiesn
für die devisenkräftigen Touristen dar, die ein noch
perfekteres Event der Marke „bayerische Gemütlichkeit“ bekommen.
Gerade den Bayern ist es hier gelungen diese Momente der Entgrenzung
als „uriges“ Event unter dem Schlachtruf ‚Heil
prosit der Gemütlichkeit’ zu inszenieren und damit
den touristischen immatierellen Mehrwert zu schaffen – 'Bayerisch’ sein
als immaterielle Produktion von touristischem Mehrwert einerseits
und die Selbstversicherung im medialen bzw. berühmten Event
andererseits. Damit ist dieses ‚urbayerische Fest’ zutiefst
janusköpfig: stabilisierend nach Innen und Wirtschaftszweig
nach Außen.
FRIKTIONEN 01/2007
Version 1.01, 02.11.2007 Seite PAGE \* MERGEFORMAT 2
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